Grahambrot-Junkie

Ich liebe Brot. Bringt es mir in allen Variationen. Das Beste ist Grahambrot. Warum, kann ich gar nicht so genau sagen. In Laibform habe ich es leider noch nirgendwo entdecken können – nur abgepackt. Kaum zu glauben, dass im Land der ∗ Dreitausendeinhundertdreiundsechzig Brotsorten Grahambrot in Laibform fehlt. Allerdings gibt es ein Brot, was ich verabscheue: Rosinenbrot. Wenn ich an Rosinen nur denke, wird mir kotzübel. Ich hasse Rosinen, obwohl ich Weintrauben gerne esse. Manchmal bin ich mir selbst ein Rätsel.

∗ Aktuelle Zahl des Deutschen Brotinstitutes. Neueste Sorte sind u. a. Der “Urbengel” und das “Flämische Vollkorn”. 2014 wurde die Deutsche Brotkultur von der Deutschen UNESCO-Kommission als immaterielles Kulturerbe aufgenommen.

Erfunden hat das Grahambrot ein amerikanischer Geistlicher, Sylvester Graham. Er stammte aus Conneticut, USA und lebte von 1794 bis 1851. Er predigte zeitlebens Mäßigkeit und Vegetarismus. Genau mein Ding, solange Bier auf dem Speiseplan nicht fehlt. Soweit ich weiß, dürfen auch Vegetarier Bier trinken. Sylvester Graham hielt vegetarische Ernährung für ein wirksames Mittel gegen Alkoholismus und sexuelle Gelüste. Mit seinen Theorien gelang es ihm, zahlreiche Anhänger um sich zu versammeln, sie nannten sich „Grahamiten.“

Knallharte Thesen

1829 entwickelte er als Bestandteil einer strengen Diät das noch heute bekannte Grahambrot aus fein geschrotetem Vollkornweizen. Weiter riet er, auf harten Matratzen zu schlafen, Fenster, auch im Winter, weit aufzureißen, kalte Duschen und lose Kleidung. Auf Zucker, Fett, Fleisch, Tabak, Gewürze und Koffein sollte im Sinne einer gesunden Ernährung verzichtet werden. Er vertrat die Auffassung, dass die Entsagung von Fleisch und Gewürze sich dämpfend auf die Libido auswirke.

Diese Annahme hat sich, soweit ich das beurteilen kann, nicht flächendeckend durchgesetzt. Sylvester Graham hatte nicht nur Anhänger für seine knallharten Thesen. 1837 wurde er wegen seiner Diät-Ratschläge von aufgebrachten Metzgern und Bäckern bedroht, die ihn davon abhielten, in Boston zu sprechen.

Sehr bekömmlich

Grahambrot ist erhaben über jede Kritik, es ist so gesund wie jedes andere Vollkornbrot. Mineralstoffe und B-Vitamine sind ebenso vertreten wie Proteine. Nur bei den Ballaststoffen kann Grahambrot der Brotkonkurrenz nicht ganz das Wasser reichen. Das kann aber auch getrost vernachlässigt werden, da wir Menschen ohnehin jede Menge Ballast mit uns herumschleppen. Und gerade, weil der Schrot so fein gemahlen ist und deshalb die Ballaststoffmenge eher niedrig ausfällt, bekommt Grahambrot den Menschen mit empfindlichem Magen.

Das Brot mit dem leicht herzhaften Geschmack – lecker!

In einem kann ich Sylvester Graham nicht zustimmen: Die Grahamscheiben nur dünn mit Butter zu bestreichen schmeckt so ähnlich wie alkoholfreies Bier. Grahambrot mit seinem nur leicht herzhaften Geschmack eignet sich durchaus zum Belegen mit kräftigen Käse und – Herr Graham, bitte weghören – auch für Schinken und Wurst. Und für die Süßen unter uns: Sehr lecker mundet es mit Honig oder Marmelade.

Grahambrot – nur noch abgepackt?

Was ich nun absolut nicht verstehe ist, dass Grahambrot, soweit ich das recherchiert habe, nur noch als vorgeschnittenes Brot verfügbar ist. Bäckereifachverkäuferinnen wussten oft nicht, was Grahambrot überhaupt ist und schlugen einen (unzulässigen) Bogen zum Dinkelbrot. Nichts gegen Dinkelbrot, Freunde, aber Dinkelbrot ist doch total überbewertet. Als würde man gesünder, wenn man Dinkelbrot isst. Humbug! Wer heute ernährungsphysiologisch vorne mit dabei sein will, kauft dunkles Brot. Ja, heute – und früher?

Dunkles Brot – ein Zeichen für Armut

Früher wurde Weißbrot nicht zu Hause gebacken, sondern beim Bäcker gekauft. Auf dem Land hingegen war es üblich, selbst Brot aus dunklem Mehl zu backen. So galt dunkles Brot als ein Zeichen von Armut und Rückständigkeit.

Brotarier

Ist die Zeit nicht längst (wieder) reif für Grahambrot? Veganer, Vegetarier, Pescetarier und Flexitarier werden Grahambrot vor Begeisterung aus den Regalen reißen. Und wenn der Siegeszug nicht mehr aufzuhalten ist, passen wir den früheren Begriff der „Grahamiten“ der Neuzeit an und nennen die Vollkornjünger „Brotarier.“

Eine Bitte hätte ich noch …

An dieser Stelle möchte ich alle Bäcker Deutschlands bitten, sich für Grahambrot in Laibform stark zu machen. Sobald Sie Grahambrot backen, komme ich vorbei – versprochen!

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3 Kommentare

  1. Uli
    2. November 2020
    Antworten

    Zum Glück haben sich alle Anhänger an Grahams Ernährungsregeln gehalten, so daß ihre Libido sank und sie sich nicht so stark vermehrt haben. Nicht auszudenken, wie eine Welt ohne Fleisch und noch schlimmer, ohne Gewürze aussähe, bzw. schmecken, bzw. nicht schmecken würde. Übrigens: Dein geliebtes Grahambrot schmeckt auch erst richtig mit Butter und/oder Schinken.

  2. Anonymous
    3. November 2020
    Antworten

    Hallo an den Statt-Block und an alle Grahambrot-Fans,
    das einzigartige, weltbeste Grahambrot gibt es in einer Bäckerei in Dortmund, also gar nicht weit weg. “Fischer am Rathaus” bietet es tatsächlich in Laibform an. Also schnell hin, bevor es weggehamstert wurde.
    Viele Grüße von einem Grahambrot-Fan

    • 3. November 2020
      Antworten

      Damit hätte ich nicht gerechnet. Es gibt tatsächlich Grahambrot als Laib. Und sogar in unmittelbarer Nähe. Vielen Dank für den “heißen” Tipp. Besten Gruß zurück vom Grahambrot-Junkie

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