Tod mit Schüppe

Tod
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Grand Hotel Alassio

Sein Urlaub war beendet. Drei Wochen im Grand Hotel Alassio an der italienischen Riviera. Hier verbrachte er regelmäßig seine Sommerurlaube. Nach einem letzten opulenten Frühstück hieß es Abschied nehmen von Bella Italia. Er dachte mit etwas Wehmut an Corinna Dorfmeister zurück. Sie war geschieden und wohnte im gleichen Hotel wie er. Man lernte sich an der Hotelbar etwas näher kennen. Einem kleinen Urlaubsflirt schien sie nicht abgeneigt zu sein. Was ihm missfiel, war ihr quirliges Wesen und ihre Lebendigkeit. Er fühlte sich eher zu kühlen und schroffen Frauen hingezogen.

Schon seit fünf Stunden war er auf dem Rückweg. Sein Ziel hieß Deutschland. Germania war schon seit einiger Zeit sein bevorzugtes Revier. Hier war am meisten zu tun. Die Geburtenrate stagnierte seit Jahren, bzw. ging sogar leicht zurück. Zwar wurde in jüngster Zeit bei den Einheimischen wieder mehr geboren und die Zahl der Ausheimischen nahm zu, aber er war doch tiefenentspannt. Gestorben wurde immer. Er war der Tod. Auf ihn war Verlass.

Ferrari Testarossa

Im roten Ferrari Testarossa fuhr er weiter gen Norden. Liechtenstein lag bereits hinter ihm. Schon im Hotel hatte er seine Dienstkleidung angelegt: Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Strümpfe und edelste, schwarze Schuhe von Testoni aus feinstem wasserdichten Krokodilleder, innen weich gefüttert mit Ziegenleder.

Markus und Katrin Dosenbichler

Markus Dosenbichler lebt mit seiner Frau Katrin und Sohn Simon in Tannheim, im Baden-Württembergischen Kreis Biberach. Simon ist neun Jahre alt und besucht die Montessorischule. Katrin arbeitet in Teilzeit auf dem Flugplatz und unterstützt die Tannheimer Flieger- und Freizeitzentrum GmbH im Restaurant der Flugplatzgaststätte. Markus arbeitet als Betonsanierer bei einem mittelständischen Unternehmen im nahe gelegenen Memmingen.

Vor einem Jahr haben sie gebaut. Ein kleines Einfamilienhaus in der Schäfergasse 28. Markus ist ehrgeizig und nimmt gerade an einem Lehrgang des Bildungszentrums im Baugewerbe teil. Er möchte den SIVV-Schein erwerben. Schützen, Instandsetzen, Verbinden und Verstärken. Mit diesem Schein in der Tasche wird sich sein Gehalt deutlich verbessern. Das ist bitter nötig, denn die Kosten für das Haus waren doch höher als geplant. Freunde aus der Freiwilligen Feuerwehr unterstützten die Familie Dosenbichler beim Bau nach Kräften. Trotzdem war er jeden Tag nach Feierabend mit dem Haus beschäftigt.

Jetzt brauchte Markus nur noch den Weg zur Haustür pflastern und den Vorgarten herrichten. Bis zum Einbruch des Winters wollte er unbedingt fertig sein. Vom Bürgermeisteramt hatte er die  Genehmigung bekommen, eine Mulde auf den Bürgersteig aufzustellen. Bauschutt, Erde, Dreck ragten bedrohlich nahe an den Bürgersteig heran.

17:15 Uhr – Wangen im Allgäu

Mittlerweile war der Tod mit seinem roten Ferrari bereits in Deutschland. Auf der A 96 fuhr er an Wangen im Allgäu vorbei. Es war 17:15 Uhr und er beschloss, demnächst die Autobahn zu verlassen um etwas zu essen. Außerdem musste er bald tanken. Im Innenspiegel überprüfte er sein Äußeres. Er war mit sich im Reinen. Wenn er über sein bisheriges Leben als Tod nachdachte, war er durchaus zufrieden. Seine Auftragsbücher waren proppenvoll. Nur Privatkunden, keine Massenabfertigungen, wie zum Beispiel bei Flugzeugabstürzen oder Bürgerkriegen. Selbstmorde gefielen ihm gar nicht. Da kam er regelmäßig zu spät. Er schweifte zu sehr ab. Das Navigationsgerät zeigte an, dass er am Kreuz Memmingen die Autobahn verlassen sollte. An der Tankstelle Hafner in Tannheim wollte er tanken. Dann sah er weiter.

Goldener Oktober

Markus ist ehrgeizig und fleißig. Er ist 38 Jahre alt und möchte das Haus mit spätestens 55 Jahren abbezahlt haben. Deshalb hat er nach der Arbeit nicht die Füße hochgelegt, sondern sich einen Blaumann angezogen und ist nach draußen gegangen. Die Sonne hat noch recht viel Kraft im Oktober. Er ist gut gelaunt. Sein Chef nahm ihn kurz vor Dienstschluss beiseite und sagte, dass er ihm ab Januar, wenn er den SIVV-Schein habe, zum Vorarbeiter befördern wolle. Auch wolle er beim Gehalt eine ordentliche Schüppe drauflegen. Markus holte sich aus dem schon fertigen Gartenhäuschen eine Schüppe und begann hochmotiviert mit den Drecksarbeiten.

Der Tod hatte an der Hafner-Tankstelle voll getankt und fuhr die Hindenburgstraße in nördlicher Richtung weiter. An der Hauptstraße bog er rechts ab und fuhr geradeaus in die Schäfergasse. Am Ende der Schäfergasse wird er die Ulmerstraße kreuzen und weiter auf der Memminger bis zum Tannheimer Flieger- und Freizeitzentrum fahren. So hatte er es in sein Navi eingegeben. Dort wollte er im Restaurant eine Kleinigkeit essen.Sein Lieblingsessen hieß: Bauernbrot mit Blutwurst und Senf. Gut gestärkt stieg er in seiner Testosteron-Schleuder.

Ein Mann sieht rot

Markus geriet schnell ins Schwitzen. Etwas Dreck war beim Schippen neben die Mulde gefallen. Er trat auf die Straße um den Dreck zu beseitigen. Markus wollte sich von den Nachbarn nichts nachsagen lassen. Nach drei, vier Schüppen glaubt er, ein Auto gehört zu haben. Er drehte sich um und sah etwa rotes. Sein letzter Gedanke, den Markus nicht mehr zu Ende denken konnte, war: Ich darf die Schüppe nicht loslas…

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