Werner Tischer im Interview

werner tischerWerner Tischer, langjähriger Betreiber von „Tischer’s Bude”, beratendes Vorstandsmitglied im Theater-Förderverein, Stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins der Stadtbücherei, Gästeführer und Einmischer.

Statt-Block: Herr Tischer, wo kaufen Sie jetzt eigentlich Ihre Zeitungen, nachdem Sie 35 Jahre täglich aus dem Vollen schöpfen konnten?
Werner Tischer: So, wie jeder andere auch. Ich habe ein paar ausgefallene Zeitschriften, die ich im Internet bestelle, oder fahre auch mal zum Bahnhof nach Dortmund.

Statt-Block: 1997 wurden Sie und Ihr Kollege Wilczynski als einer der ersten Pressefach-händler in Deutschland und erster Fachhändler in Lünen mit dem »Blauen Globus« aus-gezeichnet. Besonders herausgestellt wurden neben der hervorragenden fachlichen Qualifikation Ihre beispielhafte Servicebreitschaft und absolute Kundenorientierung. Wenn Sie an die Stadtverwaltung denken, wie ausgeprägt ist dort die Servicebereitschaft gegenüber den Bürgern und welche Note würden Sie vergeben auf einer Scala von 1 -10?
Werner Tischer: Da bin ich eigentlich total überfragt. Vom Gefühl her würde ich einfach 5 sagen. Es gibt ja hier Bereiche, die gut funktionieren und manchmal erlebt man ange-nehme Überraschungen, aber es gibt auch nach wie vor Muffel. Positvies Beispiel ist das Bürgerbüro mit seinen verlängerten Öffnungszeiten und auch, dass man die elektro-nischen Termine online einstellen kann.

Mischen wir uns ein. Ringen wir um mehr Öffnung und Transparenz zum Wohle unserer Stadt.

 

Das Thema Transparenz liegt Werner Tischer ganz besonders am Herzen. Vor drei Jahren hat er als Gast-Kolumnist der Ruhr Nachrichten unter dem Titel »Transparenz schaffen« sich mit dem Thema auseinandergesetzt und fragt: Ist es nicht auch an der Zeit, dass in Lünen den Einwohnern vor jeder Sitzung des Rates und der Ausschüsse eine Fragezeit eingeräumt wird? 

Statt-Block: Die Stadt will den Bürgern gut zuhören und für größtmögliche Transparenz durch mehr Informationen sorgen, so Bürgermeister Kleine-Frauns auf seiner Webseite. Sind Anspruch und Wirklichkeit deckungsgleich?
Werner Tischer: Aus meiner Sicht, klafft da eine große Lücke. Dass der Bürgermeister zuhört, glaube ich ihm schon, er trifft ja viele Leute, beispielsweise auf dem Marktplatz und seinen Bürgersprechstunden, aber ob er wirklich gut zuhört, kann ich nicht sagen. Bei der Transparenz muss man erst mal feststellen, was er (der Bürgermeister) unter Transpa-renz versteht, und was wir Bürger unter Transparenz verstehen. Er muss unter Transparenz etwas anderes verstehen, als beispielsweise ich.

Statt-Block: In der Geschäftsordnung des Rates heißt es unter §  20 “Fragerecht von Einwohnern”: Der Bürgermeister nimmt zweimal jährlich, jeweils einmal im Halbjahr, eine Fragestunde für Einwohner in die Tagesordnung der Ratssitzung auf.
Werner Tischer: Ja gut, der Bürger weiß es doch gar nicht, dass es die Fragestunde gibt. Das steht nicht in der Zeitung, das steht nirgendwo.

Statt-Block: Im Ratsinformationssystem könnte man sich informieren.
Werner Tischer: … Welcher Bürger guckt schon ins Ratsinformationssystem? Die meisten wissen gar nicht, dass es das gibt. Ich finde, es gehört sich so, also als Verbeugung vor den Bürgern, dass er die Möglichkeit hat, vor jeder Ratssitzung, wie es die meisten Städte in der Umgebung schon machen, dass die Bürger die Möglichkeit haben, Ihre Fragen zu stellen. Das ist eine Frage des Respekts vor dem Bürger. Das gehört sich einfach so in meinen Augen und nichts anderes. Ob der Bürger das jederzeit wahrnimmt, ist eine andere Frage.

In allen Ratssitzungen gibt es einen öffentlichen Teil und einen nicht öffentlichen Teil. Dies ist in der Gemeindeordnung (GO NRW) so festgelegt. Für den nicht öffentlichen Teil sind die Bürger ausgeschlossen. Allerdings informieren die Gemeinden sehr unterschiedlich, was in geheimer Mission besprochen wird. 

Statt-Block: In Heigenbrücken hat sich ein Verein gegründet, der sich dafür einsetzt, dass die Formulierungen im nicht öffentlichen Teil so konkret formuliert sind, dass die Bürger wenigstens wissen, um welches Thema es sich handelt. Begründet wird dies damit, dass man es für sinnvoll erachtet, dass die Bürger auch über Themen der nicht öffentlichen Sitzungen informiert werden. Dadurch könne man die Arbeit des Gemeinderates besser verfolgen und nachvollziehen. Außerdem habe der Bürger dadurch eine Kontrollmög-lichkeit, ob die Geheimhaltung gerechtfertigt ist. Wie beurteilen Sie das in Lünen?
Werner Tischer: Natürlich, was in Lünen da gemacht wird, ist ein Relikt aus einer Zeit, das Amtsgeheimnis seine Blüten treiben konnte. Schauen Sie doch mal nach Unna. Da wird jeder Punkt beschrieben. Ich kann Ihnen das mal zeigen, wie das in Unna ist.

Statt-Block: Da sind die Punkte für den Bürger konkreter aufgelistet?
Werner Tischer: Ja, einfach so, dass man es besser nachvollziehen kann.

Statt-Block: In Lünen steht auf der Tagesordnung »Beschlussangelegenheiten«, »Mündliche Anfragen«, »Finanzangelegenheiten«, »Vertragsangelegenheiten«, »Juryentscheidung«, »Vergabeverfahren« oder »Grundstücksangelegenheiten«.
Werner Tischer: Ja, es ist einfach eine Frechheit. Gucken Sie mal in das System in Werne rein. Wunderschön, jeder Punkt der Tagesordnung des nicht öffentlichen Teils ist sauber aufgebröselt. Nur Lünen will das nicht.

Statt-Block: Der größte Skandal den Lünen sich erlaubt hat, war das Derivate-Desaster. Zinswetten auf den Wechselkurs des Schweizer Franken, inklusive Schrottberatung durch die West LB. Es bedurfte einer Klage der Ruhr Nachrichten, damit die Bürger mehr erfuhren, wie Ihr sauer verdientes Geld verzockt wurde.
Werner Tischer: Man hätte ja damals auch die Argumente der Grünen und der GFL anhören können, die sich gegen diese hochspekulativen Geschäfte ausgesprochen hatten. Aber die wurden ja noch ausgelacht. In der Zeitschrift der Gemeinderat von 2006 heißt es (…)

Da aber die Kommune die wirtschaftlichen Konsequenzen trägt, sollte die Entscheidung stets mit eigenem Knowhow, ggf. mit professioneller, Bank unabhängiger Unterstützung vorbereitet werden

Statt-BlockUnabhängige Beratung einzuholen und die Finger davonzulassen, hätte Lünen die Millionenverluste erspart?
Werner Tischer: Ja, leider zu spät, die Stadt hatte im Casino schon Platz genommen.

Statt-Block: Sie haben hier auf dem Tisch eine Broschüre der Stadt Bonn liegen. Titel: Bürgerbeteiligung.
Werner Tischer: Ja, Bonn ist ein sehr gutes Beispiel, wie Bürgerbeteiligung funktionieren kann. Der damalige Bürgermeister Nimptsch fordert seine Bürger geradezu auf:

Gestalten Sie mit und nehmen Sie aktiv Einfluss auf kommunale Entscheidungen und Aufgaben! Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen Ihnen gerne dabei.

Da ist doch mal eine Ansage. Es gibt auch in Lünen Bürgerbeteiligung. Als das Museum in die Persiluhr-Passage sollte. Mit öffentlicher Anhörung und so weiter. Im Ergebnis wurde die Passage verworfen. Jetzt wird das ja wieder neu verhandelt. Die Villa Urban steht zur Disposition. Bis zum 31.12. soll das in trockenen Tüchern sein. Ohne Bürgerbeteiligung mit viel Nichtöffentlichkeit. Diesmal wird das durchgepeitscht.  

Statt-Block: Wie lautet Ihre Prognose für die Wahl des Bürgermeisters in einem Jahr?
Werner Tischer: Es gibt ja keine Stichwahl mehr, das halte ich für etwas problematisch. Ich könnte mir schon vorstellen, dass Jürgen Kleine-Frauns (der aktuelle Bürgermeister) es schaffen kann. Die Grünen und die GFL werden im Wahlkampf die Derivate-Geschichte spielen. Die wären ja schlecht beraten, wenn sie die Karte nicht ziehen würden.

Statt-Block: Lieber Herr Tischer, vielen Dank für dieses Gespräch.

Wir saßen an einem langen Tisch. An der Stirnseite stand “Kalla”. Kalla ist stiller Zuhörer und verfolgte während des Interviews das Geschehen auf der Straße. Kalla trägt ein rotes Trikot mit der Rückennummer 12. Der Fanschal verrät seine Vereinszugehörigkeit: Kalla ist Auswechselspieler bei TuS Westfalia-Wethmar 1948 e.V. Werner Tischer hat die lebens-große Holzfigur vor Jahren ersteigert. Sie wurde von sozial schwächeren Menschen erschaffen. Die Leute sprechen im Vorbeigehen mit Kalla. “Na, wie geht’s Dir, alter Junge, alles gut?” So kann auch ein Herz aus Holz menschliche Wärme erzeugen …

 

 

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