Ene, mene, muh – und Bürgermeister bist Du!

In Lünen haben SPD und CDU 2020 ihre schlechtesten Kommunalwahl-Ergebnisse seit 1946 eingefahren. Was früher peinlich war, wird heutzutage zur Chance umprogrammiert. Man muss nur rechnen können. Minus mal Minus ergibt Plus.  
  

Wie es zur wundersamen Groko in Lünen kommen konnte, weiß niemand so genau. Ich vermute, es hat ein Telefonat zwischen Anette Droege-Middel (stellv. CDU-Fraktionsvorsitzende) und Rainer Schmeltzer (SPD-Bürgermeisterkandidat) gegeben. Vielleicht so: Frau Droege-Middel wählt …

Schmeltzer: Rainer Schmeltzer am Apparat.
Droege-Middel: Guten Tag Rainer, hier ist Anette.

Schmeltzer: Anette, was ist passiert? Tritt bei Euch jemand zurück? (lacht schallend)
Droege-Middel: Jetzt pass mal auf, mein Lieber. Mathematik war doch schon immer mein Steckenpferd. Du weißt doch, dass Minus mal Minus Plus ergibt, Rainer?

Schmeltzer: Ja, hab ich schon mal gehört.
Droege-Middel: So ist das bei unseren Parteien auch. Deine SPD und meine CDU haben mit einem Minus abgeschlossen. Das ist ganz schlecht wegzuretuschieren. Wenn wir jetzt einen Koalitionsvertrag schließen, dann wird aus Minus mal Minus ein dickes Plus. Im Rat haben wir die absolute Mehrheit und kriegen alles durch. Ist doch cool, Rainer.

Schmeltzer: (überlegt kurz und grinst) nicht schlecht, Frau Specht.
Droege-Middel: Das heißt: nicht schlecht, Herr Specht.

Schmeltzer: Anette, ich habe gerade einen Crashkurs in gendergerechter Sprache absolviert und mit Sternchen bestanden.
Droege-Middel: (lacht) ausgerechnet Du.

Schmeltzer: Ich muss erst einmal mit Hugo (Hugo Becker ist stellv. SPD-Fraktionsvorsitzender) sprechen und ihn fragen, ob er mitmacht.
Droege-Middel: Lass stecken, Rainer. Mit Hugo haben wir schon gesprochen. Der ist dabei.

Schmeltzer: Einfach so? Ohne Gegenleistung? Kann ich mir bei Hugo kaum vorstellen.
Droege-Middel: Ist schon klar. Wir kennen Eure Pappenheimer doch auch. Wir haben ihm zugesagt, dass er fünf zusätzliche Aufsichtsratsposten bekommt. Da konnte er nicht mehr Nein sagen.

Schmeltzer: Soweit d’accord. Was passiert eigentlich, wenn ich wider Erwarten doch nicht zum Bürgermeister gewählt werde?
Droege-Middel: Mach Dir keine Sorgen, Rainer. Und jetzt halt Dich fest: Wir, die CDU Lünen, unterstützen Deine Bürgermeisterkandidatur.

Schmeltzer: Wie bitte? Was macht Ihr? Wen unterstützt Ihr? Mich? Das glaub’ ich jetzt nicht.
Droege-Middel: Doch, doch, Du hast richtig gehört. Die CDU Lünen unterstützt den SPD-Kandidaten. Hammer, was? Du kannst also gar nicht mehr verlieren. Wenn Du am 28. September aufwachst, bist Du Bürgermeister von Lünen.

Schmeltzer: (denkt lange nach): wo sind die Fallstricke, Anette?
Droege-Middel: Es gibt keine Fallstricke, Rainer. Der Koalitionsvertrag ist schon fertig. Muss nur sauber abgemischt werden. Die waren ja nahezu deckungsgleich. Ach so, bevor ich es vergesse: Christoph Tölle (CDU-Bürgermeisterkandidat, der es nicht in die Stichwahl geschafft hat) muss als Dein Stellvertreter ins Amt gehoben werden. Er hat sich bei uns echt reingehängt.

Schmeltzer: Haken dran. Ich hätte dann allerdings auch zwei Wünsche: Die vier Feuerwehrgerätehäuser in Nordlünen, Horstmar, Niederaden und Beckinghausen müssen 2021 fertig sein und nicht erst 2024. Als Bürgermeister muss ich die Ärmel hochkrempeln und Handlungsfähigkeit beweisen. Zweitens müssen im neuen Haushaltsplan die drei Ordnungspartnerschaftskräfte auf zehn Vollzeitstellen aufgestockt werden. Das ist ja wohl auch in Eurem Sinne. Auf Euren Plakaten stand doch: für ein Lünen, in dem wir gut und sicher leben. Ich will Lünen zu 100 Prozent sicher machen.
Droege-Middel: OK, kommt mit in den Koalitionsvertrag. (schaut auf Ihr Zweit-Handy). Rainer halt Dich fest, welche Nachricht bei mir gerade aufploppt.

Schmeltzer: Mach’s nicht so spannend.
Droege-Middel: Hofnagel (Vorsitzender der Wählergemeinschaft GFL) verzichtet auf Wahlempfehlung für Kleine-Frauns (Kleine-Frauns ist Mitglied der GFL, lässt als Bürgermeister sein Mandat seit 2015 ruhen). Das heißt, er kann seine Koffer packen.

Schmeltzer: Wie geil ist das denn? Jetzt werde ich langsam euphorisch. Ich sehe schon am Montag die Schlagzeile in den Ruhr Nachrichten: 80 Prozent für Rainer Schmeltzer. Erdrutschartiger Sieg in der Stichwahl. Kleine-Frauns fliegt in hohem Bogen aus dem Rathaus.
Droege-Middel: Langsam, Rainer. Es gibt noch eine kleine Restunsicherheit…

Schmeltzer: Und die wäre?
Droege-Middel: Die Wählerinnen und Wähler. Wir wissen noch nicht genau, ob die verstehen, wie wichtig der Koalitionsvertrag zum Wohle unserer Stadt ist.

Schmeltzer: Hast Du eigentlich was von den Grünen gehört?
Droege-Middel: Nee, ich glaube, die wollen sich aus Allem raushalten.

Schmeltzer: Selbst schuld. Wenn die mich unterstützt hätten, wären mir das mindestens drei Radwege, 50 E-Roller für die Verwaltung und Lachsbrötchen in den Sitzungspausen wert gewesen, aber man kann ja niemanden zu seinem Glück zwingen.
Droege-Middel: Du sagst es. Bis Sonntag, mein Lieber.

 

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Ein Kommentar

  1. Bernd Köster
    26. September 2020
    Antworten

    Als Kenner der Szene etwas stark untertrieben…..dennoch – Chapeau. Nur reden wir dann auch über Betechung oder Vorteils gewährung. Offenkunfig dürfte es bein Zugriffverfahren werden. Wie tief seid ihr gesunken Genossen und Chritdemokraten ?

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