Der Umwelt zuliebe

Haare schneiden ist Vertrauenssache. In ganz Nordrhein-Westfalen gibt nur einen Salon, dem ich mein wertvolles Haupthaar anvertraue. Seit 30 Jahren fahre ich alle sechs bis acht Wochen mit dem Auto 140 Kilometer zu meiner Stammfriseurin Nermin Karsli. Sie ist die Beste in Ihrem Fach.
 

Klimaneutraler Salon

Ihr Beauty Coiffeur Tempel ist sogar Klimaneutral. Sie schützt mit mir gemeinsam in Peru ein Stück des Regenwaldes am Amazonas. Dort gibt es bedrohte Arten wie den Mahagoni-Baum, Jaguar, Puma, oder die Brüllaffen. Wir wehren uns gegen die Rodungen des Waldes. Dafür nehme ich gerne die etwas längere Anreise in Kauf.

Hair Help the Oceans

Außerdem werden meine abgeschnittenen Haare nicht einfach weggefegt. Sie sind ein hervorragendes Adsorptionsmittel. Wenn genug gesammelt wurde, werden meine Haare zu Matten verarbeitet und dienen so als Filter in verschmutzten Gewässern. Hair Help the Oceans  heißt dieses Projekt. Hochgerechnet habe ich in zirka Dreißig Jahren rund 23 Kilo schmutziges Öl aus dem Meer gefiltert. Ist das nichts?

Schon seit Jahren stelle ich fest, dass mein Gefühl für die Rettung der Umwelt enorm gestiegen ist. Meine Umweltbibel ist das Pariser Klimaschutzabkommen.

Obst und Gemüse im veganen Beutel

Einige meiner kaum noch nennenswerten Umweltsünden mache ich durch gezieltes Einkaufen im Supermarkt wett. Seit es keine Plastiktüten mehr gibt, reise ich mit handgefertigten und fair gehandelten Einkaufskorb aus kenianischem Kunsthandwerk an. Obst und Gemüse kaufe ich nur lose ein und packe es in einen veganen Beutel aus Bio-Leinen. Eine kleine Ausnahme gönne ich mir bei Cherrytomaten, die sind oft in Klarsichtfolie gepackt. In der Tomaten-Champions-League spielen Cherrytomaten, rein geschmacklich betrachtet, ganz oben mit. Soviel Sünde muss erlaubt sein. Sobald es die ersten Unverpackt-Tomaten-Läden gibt, bin ich euer Kunde –versprochen!

Bratrollmöpse frisch vom Fass

Leider habe ich auch eine latente Schwäche für lose Bratrollmöpse. Bratrollmöpse in Einweggläsern gehen gar nicht. Verursacht fünfmal mehr Emissionen als Mehrweg. Meistens kaufe ich drei Stück frisch vom Fass. Leider werden die in Plastikbeutel eingetütet und dann in eine Plastikschale gepackt. Ich weiß, ich weiß, eigentlich müsste ich auf lose Bratrollmöps verzichten. Schaffe ich aber nicht, weil die so verdammt lecker sind. Vielleicht kann ich diese kleine Sünde durch zwei zusätzliche Besuche bei meiner Friseurin ausgleichen.

CO² – Gewissen

Um mein CO2-Gewissen  zu beruhigen, fahre ich in letzter Zeit häufiger mit der Bahn. Mein Eindruck ist, dass sich diese schienengebundene Art der Fortbewegung in einer Dauer währenden Umbruchphase befindet. Von fünfzig Fahrten ist man vierzig Mal zu spät, der Anschlusszug ist weg oder gar nicht da. Gerne wird in allerletzter Sekunde per Bahnansage, die stark an Scratching erinnert, mitgeteilt, dass der Zug, statt wie versprochen auf Gleis 8, heute ausnahmsweise auf Gleis 16 einrollt. Dann hetzt der ganze Tross mit Koffern, Tüten, Taschen und Vogelkäfigen bepackt die Treppen herunter und an anderer Stelle wieder hinauf. Wie durch ein Wunder hat sich niemand verlaufen. In solchen Situationen bin ich gerne Mitläufer. Warum der Lokführer beim Einfahren in den Bahnhof nicht auf Anhieb das richtige Gleis trifft, finde ich noch heraus, Freunde. Dann zieht euch schon mal warm an.

Essbare Behälter

Hiermit fordere ich die Bundesregierung auf, dass Bratrollmöpse frisch vom Fass in essbare Behälter verpackt werden. Politisch gesehen ist das ein lohnenswertes Projekt, mit dem sich Friedrich Merz von Olaf Scholz abgrenzen kann. Es ist mittlerweile das einzige Thema, was die CDU von der SPD unterscheidet. Bei meinem Haarschnitt verstehe ich keinen Spaß. 140 Kilometer Anreise zum klimaneutralen Friseursalon sind auch irgendwie ein kleiner Beitrag zu Rettung der Umwelt.  Hinzu kommt, dass ich meine Haare für die Rettung der Umwelt spende. Übrigens: Mein Wagen ist mit der Premium EU-6-Schadstoff-Kompetenz ausgestattet.

Klimaneutraler Haarschnitt

Sobald die Bahn ihre Testphase beendet hat und Züge pünktlich fahren, Anschlusszüge warten, Klimaanlagen funktionieren, die Reihenfolge der Wagen stimmt, Toiletten an Toiletten erinnern, dann fahre ich auch mit der Deutschen Bundesbahn zum Friseur. Dann gehöre ich zu den ersten, die mit dem Prädikat Klimaneutraler Haarschnitt ausgezeichnet werden.

 

https://www.nermin-karsli.de

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