Müll

Als Kind habe ich für mein Leben gerne Bonbons gelutscht. Auf Spaziergängen mit den Eltern spornten sie mich mit Extra-Klümpchen an, damit ich nicht die Lust an ihren Dauermärschen verlor. Das Bonbonpapier wurde natürlich auf den Weg geschmissen. Wenn Vater dies bemerkte, was häufiger vorkam, musste ich das Papier aufheben und Zuhause in den Abfallbehälter tun.

Bonbonpapier

Seine Belehrung lautete in etwa so: Der Weg, auf den du das Bonbonpapier geschmissen hast, gehört Deutschland. Deutschland möchte, dass wir alle ein sauberes Land sind und macht deshalb deinen Dreck weg. Die schicken ein Müllauto und das sammelt dein Bonbonpapier auf. Das kostet Deutschland Geld. Von dem Geld was ich verdiene, muss ich jeden Monat etwas an Deutschland abgeben, damit dein Bonbonpapier weggeräumt wird. Dadurch schmälert sich mein Geldbeutel und du kriegst weniger Bonbons. Willst du das? Das einzige was ich verstanden habe, war Bahnhof.

Der Bestimmer

Außerdem war ich sicher, dass Deutschland wegen meines Bonbonpapiers nicht extra einen Müllwagen schickt. Das lies Vater nicht gelten und ergänzte, dass alle Kinder ihr Papier wegschmeißen würden. Meinen letzten Trumpf, den ich im Ärmel hatte hieß: Stimmt überhaupt nicht beendete er mit einem laut vernehmbaren Doch!  Das fand ich gemein und völlig überflüssig. Aber was will man machen, er war der Bestimmer. Der nächste Spielplatz sorgte für dringend benötigte Entschleunigung.

Letzten Endes haben wir Kinder uns durchgesetzt. Wir haben uns über Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt und schmeißen heute nicht nur das Bonbonpapier weg, sondern sogar ganze Kühlschränke, Klamotten und was weiß ich noch alles. Auch heute kommt Deutschland und räumt hinter uns auf. Aus müllpädagogischer Sicht ein Schuss, der nach hinten losging.

mülltrennung
© creative vision

Mutterland der Mülltrennung

Mittlerweile hat Müll bei uns Kultstatus erlang. Man nennt uns im Ausland gerne das Mutterland der Mülltrennung. Meister im Abfall produzieren sind wir allerdings auch. Ein paar Fakten, damit wir wissen, worüber wir reden:

2016 gab es in Deutschland 18,2 Mio. Tonnen Verpackungsabfälle. 220,5 Kg pro Kopf. Im Vergleich dazu waren es in der EU 167,3 Kg pro Kopf. Den geringsten pro Kopf-Verbrauch vermeldeten die Bulgaren mit 54,7 Kilogramm.
Quelle: Umweltbundesamt

 

Aus dem Müll eine Tugend machen, sieht heutzutage so aus: Deutschland verkauft den Müll ins Ausland. Dafür bekommen wir sogar noch Geld. Indonesien und Malaysia sind dankbare Abnehmer, um nur zwei zu nennen. Für jede Tonne Plastikmüll streichen wir 700 Euro ein, nur bei sortenreinem Plastik versteht sich. Ist schon ein tolles Geschäftsmodell. Geld stinkt eben doch nicht. Es ist nur der Müll der müffelt.

Elektroschrott nach Ghana

Deutschland unterhält auch ausgezeichnete Beziehungen zu Ghana. Die riesigste und hochgiftige Müllkippe für Elektroschrott steht in Agbogbloshie, einem Stadtteil der Hauptstadt Accra.  Dort verschiffen wir alles hin, was wir viel zu früh ausrangieren: Fernseher, Kühlschränke, Laptops, Handys, Staubsauger, Drucker, Waschmaschinen, Kabel…

Transitmüll

Es gibt auch grenznahe, grenzüberschreitende Abfallverbringung. Die besagt, dass in Ländern um Deutschland herum, die weniger als 500 Kilometern entfernt liegen, auch Abfall exportiert werden darf. Dafür gibt es ein Abfallverbringungsgesetz. Der grenznahe Müll heißt Transitmüll.

Erweiterung der Grundrechte

Die Grünen schwimmen nun lange genug auf der Umfragewolke 7. Es ist jetzt an der Zeit Verantwortung zu übernehmen und das Grundgesetz zu ergänzen. Herr Habeck, Frau Baerbock, wie wäre es denn mit einer Erweiterung der Grundrechte.

Artikel 20

Der Abfall der Menschen ist ungenießbar. Ihn zu entsorgen und zu recyceln ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Artikel 21

Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu einer eigenverantwortlichen Müllvermeidung und Abfallentsorgung innerhalb der staatlichen Grenzen von 1990.

Artikel 22

Deutschland verneigt sich vor seinem großen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe und nimmt die ersten zwei Zeilen seines Zitates in das Grundgesetz mit auf:

Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür und rein ist jedes Stadtquartier

Vater hatte doch Recht – Mist!

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